Kintsugi – wenn Brüche sichtbar bleiben

Was heißt schon „schön“?

Schön ist keine Eigenschaft der Dinge.
Es ist eine Zuschreibung.

Gerade bei Brüchen wird das deutlich.

Etwas ist beschädigt.
Etwas ist nicht mehr ganz.
Etwas entspricht nicht mehr dem, was es einmal war.

Im eigenen Erleben zeigt sich oft eine ähnliche Bewegung:
Was schmerzt, soll verschwinden.
Was nicht passt, soll sich verändern.

Kintsugi setzt an einer anderen Stelle an.

Eine zerbrochene Schale wird nicht so repariert, dass der Bruch unsichtbar wird.
Die Risse bleiben sichtbar – sie werden hervorgehoben.

Das Gefäß bleibt ein Ganzes.
Nicht trotz der Bruchstellen, sondern mit ihnen.

Ein Bruch muss nicht verschwinden,
damit etwas als Ganzes bestehen kann.

Im eigenen Leben zeigt sich das an Erfahrungen,
die nicht rückgängig zu machen sind.
Spuren, die bleiben.

Der Impuls, sie zu verbergen oder zu „reparieren“, liegt nahe.

Wenn Brüche nicht mehr verborgen werden,
verändert sich der Umgang mit ihnen.

Nicht, weil sie anders werden.
Sondern weil sie nicht mehr gegen ein Bild davon gehalten werden, wie es sein sollte.

Was daraus entsteht, ist nicht festgelegt.
Aber etwas verschiebt sich.

Auch in Beziehungen zeigen sich solche Bruchstellen.

Momente, in denen etwas nicht mehr so ist wie zuvor.
In denen Vertrauen erschüttert wird.
Oder etwas sichtbar wird, das sich nicht mehr zurücknehmen lässt.

Oft entsteht der Wunsch,
dass es wieder so wird wie vorher.
Der Versuch, zum Alten zurückzukehren,
richtet sich darauf, den Bruch ungeschehen zu machen.

Es gibt auch eine andere Möglichkeit:

Dass eine Beziehung sich verändert,
ohne dass das Geschehene verschwindet.
Nicht zurück zu dem, was war.
Aber auch nicht zwingend ein Ende.

Sondern eine Form,
in der das, was geschehen ist, sichtbar bleibt.

Das ist nicht einfacher.
Und oft auch nicht das, was man sich gewünscht hätte.
Aber es kann etwas ermöglichen,
das sonst kaum entsteht:

Kontakt,
der nicht mehr davon abhängt,
dass bestimmte Dinge nicht passiert sind.

Der nicht darauf beruht,
dass etwas ausgeblendet oder ungeschehen gemacht wird.

Sondern darauf,
dass auch das, was schwierig ist,
einen Platz haben kann,
ohne dass daran alles zerbricht.

Wie bei einer Schale, deren Bruchstellen sichtbar bleiben.
Und die gerade deshalb nicht auseinanderfällt.

praxis collip