Achtsamkeit – mitbekommen, was geschieht
Achtsamkeit ist heute ein Begriff, der überall auftaucht.
In Büchern, in Gesprächen, in der Psychotherapie.
Dass sie so präsent ist, ist zunächst einmal erfreulich.
Achtsamkeit ist nichts Neues.
Sie wurde schon vor langer Zeit als hilfreich erkannt – und berührt etwas Grundlegendes im Menschsein.
Gleichzeitig wirkt der Begriff inzwischen oft unscharf.
Und nicht immer ist klar, was damit eigentlich gemeint ist.
Auf den Punkt gebracht:
Achtsamkeit bedeutet, mitzubekommen, was gerade geschieht – während es geschieht.
Das klingt selbstverständlich.
Ist es aber nicht.
Natürlich wissen wir, dass wir gehen, sprechen oder lesen.
Aber oft geschieht das eher nebenbei.
Die Aufmerksamkeit ist gebunden – an Gedanken über Vergangenes,
an Vorstellungen von Zukünftigem,
an innere Gespräche, die sich wiederholen.
Nüchtern betrachtet, verbringen viele Menschen einen großen Teil ihres Lebens auf diese Weise.
Nicht im direkten Erleben dessen, was gerade geschieht – sondern in Gedanken darüber.
Dabei ist das Denken gar kein Problem.
Im Gegenteil: Es ist eine grundlegende Fähigkeit.
Schwieriger wird es dort, wo Gedanken sich verselbstständigen.
Wo sie immer wieder dieselben Bahnen nehmen.
Und wir nicht mehr bemerken, dass wir ihnen folgen.
Übungen können dabei unterstützen, das zu erkennen.
Entscheidend ist jedoch nicht, ob eine Technik korrekt ausgeführt wird,
sondern ob wir merken, was geschieht.
Aus dem Alltag kennen wird das:
Man liest einen Text – und merkt plötzlich, dass man die letzten Sätze nicht wirklich aufgenommen hat.
Oder man hört jemandem zu – und ist gedanklich ganz woanders.
Das ist nichts Besonderes.
Es ist eher Normalität.
Unproblematisch ist das allerdings nicht.
Denn es bedeutet, dass wir einen großen Teil dessen, was wir tun, gar nicht wirklich mitbekommen.
Ein weiteres Missverständnis liegt darin,
Achtsamkeit mit einem besonderen „Auf-sich-Achten“ zu verwechseln –
also damit, sich mehr Raum zu nehmen oder eigene Bedürfnisse durchzusetzen.
Das hat mit dem, worum es hier geht, wenig zu tun.
Mitzubekommen, was gerade geschieht, kann sehr schlicht sein.
Zu spüren, dass man atmet.
Zu bemerken, dass man sitzt.
Wahrzunehmen, dass Gedanken auftauchen – und wieder gehen, wenn man sich nicht in ihnen verstrickt.
Dabei kann etwas sichtbar werden, das sonst im Hintergrund bleibt.
Nicht als besondere Einsicht oder als Ergebnis.
Sondern als ein erstes Erkennen davon,
was wir die meiste Zeit tun, ohne es zu bemerken.
Was sich daraus entwickelt, lässt sich nicht herstellen.
Aber ohne dieses Bemerken beginnt es nicht.
praxis collip

