Ich bin eben so – Essay von Sven Collip
Essay · November 2026

Ich bin eben so

Über Selbstbilder und die Grenzen, die wir ziehen

Ich stand am Rheinfall bei Schaffhausen und war beeindruckt. Ein Bekannter, der drei Jahre zuvor schon dort gewesen war, war es nicht. Erst ein Foto zeigte mir, warum: Damals war viel mehr Wasser an den Fällen zu sehen gewesen. Den früheren Wasserstand hatte ich nicht als Referenz für mein Urteil.

Welcher davon ist nun der Rhein? Der auf dem Foto oder der, vor dem ich stand? Beide sind er, und keiner bleibt. Ein Fluss ist kein Ding, das irgendwo liegt. Er ist, solange Wasser fließt.

Trotzdem lernen Kinder in der Schule, wie lang die Flüsse sind. Das klingt nach Wissen über Dinge. Gelernt werden Festlegungen. Wo ein Fluss ins Meer übergeht, legen Menschen fest. Und der Anfang ist nicht klarer: Wo entspringt die Donau? Es gibt drei Antworten. Die Quelle im Schlosspark von Donaueschingen, die den Namen Donauquelle trägt. Der Zusammenfluss von Brigach und Breg, ab dem der Fluss Donau heißt. Und die Bregquelle nordwestlich von Furtwangen, die von der Mündung am weitesten entfernt liegt. Anfang der 1980er trug man die Bregquelle auf amtlichen Reisekarten nicht mehr als Donauquelle ein.

Auch der Verlauf ist weniger eindeutig, als die Karte zeigt. An vielen Tagen des Jahres versinkt die Donau zwischen Immendingen und Möhringen vollständig im Untergrund. Auf der Karte fließt sie weiter. Das Wasser tritt überwiegend im Aachtopf wieder aus und gelangt über den Bodensee in den Rhein, nicht ins Schwarze Meer. Ein Teil des Wassers, das über den Rheinfall stürzt, hieß zuvor Donau.

Grenzen ziehen wir nicht nur bei Dingen. Wir ziehen sie auch bei uns selbst, in der Art, wie wir uns beschreiben. Mir gegenüber tun Menschen das oft. „Ich bin ein ängstlicher Mensch“ klingt wie eine Beschreibung. Der Satz zieht aber Grenzen. Er ordnet die Angst der Person als Eigenschaft zu und dehnt sie über die Zeit aus. Was ihn trägt, sind Augenblicke, von denen manche ängstlicher waren als andere.

„Heute Morgen war ich ängstlich“ zieht die Grenze anders, „Da ist Angst“ wieder anders. Alle drei Sätze können sich auf dieselben Stunden stützen. Jeder legt etwas anderes fest. Der erste legt die Angst in die Person, der zweite in einen Morgen. Und selbst der dritte, der sie niemandem zuschreibt, macht aus einem Erleben ein „Ding“, das da ist.

Ein Wort bildet nicht einfach ab, was da ist. Es legt mit fest, wo etwas anfängt und aufhört.

Das gilt auch für die Zeit. Frage ich Menschen, was ihnen einfällt, das sich nicht verändert, kommt häufig der Diamant. Der Werbesatz von De Beers, ein Diamant sei für immer, stammt von 1947. Er verlegt das Ende ins Unendliche. Ein Diamant entstand unter einem Druck, wie er an der Erdoberfläche nicht herrscht. Hier ist Graphit die stabilere Form von Kohlenstoff, und dass ein Diamant bleibt, liegt daran, dass die Umwandlung bei Raumtemperatur praktisch nicht stattfindet. Manche Diamanten sind älter als drei Milliarden Jahre.

Ein Diamant ist nicht für immer. Er ist nur sehr viel länger da als wir.

Sven Collip · November 2026
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