Gefühle annehmen – wenn daraus eine Strategie wird

Viele Menschen versuchen, ihre Gefühle anzunehmen – und merken dabei, dass es trotzdem nicht leichter wird.

Angst ist da, Traurigkeit bleibt, innere Anspannung verändert sich kaum.

Der Eindruck entsteht, etwas noch nicht richtig zu machen.

Zwar merken viele irgendwann, dass es wenig bringt, gegen eigene Gefühle anzukämpfen.

Sie beginnen, Angst nicht mehr wegzudrücken.
Traurigkeit nicht sofort verändern zu wollen.
Das ist tatsächlich ein anderer Umgang.

Ruhiger. Weniger gegen sich selbst gerichtet.

Und dennoch zeigt sich oft etwas, das zunächst kaum auffällt.
Auch im Versuch, ein Gefühl anzunehmen, bleibt häufig eine leise Ausrichtung bestehen:

dass sich dadurch etwas verändern soll.

Ein Gefühl ist da.
Und gleichzeitig läuft im Hintergrund die Frage mit, ob es weniger wird.

Wird es schon leichter?

Damit verschiebt sich der Fokus.
Es geht nicht mehr nur um das Gefühl.

Sondern darum, ob ich es „richtig“ annehme – und ob es dadurch nachlässt.

„Annehmen“ wird zu etwas, das funktionieren soll.

Zu etwas, das gelingen oder misslingen kann.

Das zeigt sich zum Beispiel darin,
dass jemand still sitzen bleibt und versucht, ein Gefühl zuzulassen –

während innerlich immer wieder geprüft wird, ob es schon weniger wird.

Oder darin, dass sich ein leiser Zweifel einschleicht:

Mache ich das richtig?

Das Gefühl steht dann nicht mehr einfach für sich.

Es wird zum Gegenstand einer Prüfung.
Hier zeigt sich dieselbe Bewegung wie zuvor:

dass unangenehmes Erleben letztlich doch verändert werden soll.

Nur offener Widerstand tritt in den Hintergrund.

An seine Stelle tritt eine stillere Form:

Nicht mehr „das darf nicht da sein“ –

sondern „es sollte sich verändern, wenn ich richtig damit umgehe“.

Nicht, weil „Annehmen“ falsch wäre.

Sondern weil sich darin unbemerkt etwas fortsetzt:
Der Versuch, es zu verändern.

Und genau das kann in einem Moment sichtbar werden.
Nicht als etwas, wofür man sich bewusst entschieden hat,
 sondern als etwas, das die ganze Zeit mitläuft.

Und in dem Moment, in dem es gesehen wird, ist es nicht mehr ganz dasselbe.
Es ist jetzt nicht mehr unbemerkt.

Das Gefühl ist noch da.

Und zugleich wird klar, was da im Hintergrund geschieht.

Und dieser zusätzliche Anspruch verliert für einen Moment an Gewicht.

praxis collip