Über die Kunst, begrenzt zu sein
Man steht in einem Flur. Aus mehreren Türen zugleich dringt etwas.
Aus der einen ein Rufen. Aus der anderen ein Klingeln. Aus einer dritten nur ein Geräusch, das an sich harmlos ist – aber es hört nicht auf.
Die Türen tragen Namen.
Die Partnerschaft. Die Kinder. Die Arbeit.
Die Eltern, die älter werden.
Freundschaften, die auch etwas brauchen, um zu bleiben, was sie sind.
Manchmal, mitten in allem, noch etwas, das gebaut oder aufgebaut werden will.
Man geht zur einen Tür.
Und noch während man antwortet, ist ein Teil von einem woanders.
Bei dem, was hinter der zweiten Tür wartet.
Bei dem, was man eigentlich gerade hätte tun sollen, aber nicht getan hat.
Die Psychologin Sophie Leroy nannte das Attention Residue.
Wechselt jemand von einer Aufgabe zur nächsten, bevor die erste abgeschlossen ist,
bleibt ein Rest der Aufmerksamkeit an der ersten hängen.
Nicht als Versagen. Als physikalische Eigenschaft der Aufmerksamkeit selbst –
sie folgt nicht auf Kommando, nur weil man den Raum gewechselt hat.
Das erklärt etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt.
Das Gefühl, überall halb da zu sein. Nirgendwo richtig.
Und schnell wird daraus ein Urteil:
als ließe sich das beheben, mit genug Disziplin, genug Organisation.
Als wäre der Rest, der zurückbleibt, ein Fehler im System – und nicht das System selbst.
Aber ein Leben hat mehr Türen, als ein Mensch gleichzeitig offenhalten kann.
Das ist keine persönliche Schwäche. Das ist Begrenztheit –
und Begrenztheit ist kein Mangel, sondern eine Grundbedingung.
Zeit ist endlich.
Aufmerksamkeit ist endlich.
Die Möglichkeiten, die ein Leben bietet, sind es auch.
Man kommt nicht darum herum, zu wählen, und sich irgendwo einzupendeln –
in einer Verteilung, die trägt, nicht in einer, die alles zugleich erfüllt.
Wer sich gegen genau das sträubt, gegen diese Begrenztheit selbst,
trägt eine zweite Last zusätzlich zur ersten.
Nicht nur der Flur mit den vielen Türen. Sondern auch der Kampf gegen die Tatsache, dass es ihn gibt.
Herbert Simon, Ökonom und Kognitionswissenschaftler, hat gezeigt,
dass Menschen – und Organisationen – so gut wie nie optimieren.
Sie suchen nicht das Bestmögliche, sondern das, was ausreicht.
Satisficing nannte er das, aus satisfy und suffice.
Keine Schwäche, sondern die einzig mögliche Antwort auf eine Welt,
in der Zeit, Aufmerksamkeit und Kraft immer begrenzt sind.
Es gibt keine Version des Flurs, in der alle Türen zugleich still sind.
Es gibt nur die, in der man von einer zur anderen geht –
mit dem Rest, der jedes Mal ein Stück zurückbleibt, und der jedes Mal ein Stück mitkommt.